Studie: Mehr als 60% aller Selbstständigen sind Einzelunternehmer

Are you „The Next Big Thing“? In Zeiten von Rocket Internet und TV-Shows wie „Die Höhle der Löwen“ scheint sich in der Gründerszene alles um diese eine Frage zu drehen. Innovativ, skalierbar, sexy – so sollte eine erfolgreiche Gründungsidee nach Möglichkeit sein.

Aber entspricht diese Startup-Mentalität wirklich der Realität der meisten Selbstständigen?

Kein Startup: Fast zwei Drittel aller Unternehmen sind Einzelunternehmen

Tatsächlich machen kleine Einzelunternehmer – auch Solo-Selbstständige oder Solopreneure genannt – laut einer aktuellen Studie mehr als 60% aller Unternehmen aus. Bei den Gründungen ist der Anteil sogar noch höher: Alleine 75% aller Gewerbetreibenden machen sich als Einzelunternehmer selbstständig – die Zahl bei den freiberuflichen Gründungen dürfte ähnlich oder sogar noch höher sein.[1]

Studie: Zahl der Einzelunternehmen / Solo-Selbstständige in Deutschland

Dabei ist nur ein geringer Teil der Gründer wirklich innovativ. Mehr als 80% setzen auf bewährte Ideen oder bekannte Konzepte. Sie arbeiten beispielsweise als IT-Freelancer, machen sich als Altenpfleger selbstständig, sind Yoga-Lehrer, selbstständige Friseure oder Taxifahrer – die typischen Einzelunternehmer also.[2]

Auch möchten nur 17% aller Gründer laut eigener Aussage so groß wie möglich werden. Die anderen 83% bevorzugen eine Größe, die sie alleine oder mit wenigen Angestellten managen können.[3]

Von der typischen „faster, bigger, stronger“ Startup-Mentalität sind die meisten Unternehmer also weit entfernt. Sie wollen einfach ihr „eigenes Ding“ machen. Die Motivation, eine eigene Idee umzusetzen, steht dabei an erster Stelle (49%) – Notgründungen in Folge mangelnder Alternativen kommen erst weit abgeschlagen an zweiter Stelle (27%).[4]

Einzelunternehmer gründen später und sind oft nebenberuflich selbstständig

Wodurch zeichnet sich die Gruppe der Solo-Selbstständigen aber nun konkret aus? Das wurde im Jahr 2016 vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) in einem Forschungsbericht näher analysiert, der auf Daten des Mikrozensus und des Sozio-ökonomischen Panels (SOEP) bis 2014 zurückgreift:

Solo-Selbstständige gründen später

Im Rahmen dieses Forschungsberichts wird die Altersstruktur von Solo-Selbstständigen näher beleuchtet. Die Gründerszene insgesamt ist tendenziell jung – 76% aller Gründer waren im Jahr 2016 unter 44 Jahre alt, wobei der Peak mit fast 36% bei den 25-34 Jährigen lag.[5]

Unter den Solopreneuren befinden sich im Verhältnis dazu viele Gründer, die sich auch in späteren Lebensabschnitten noch selbstständig machen. Hier sinkt der Anteil der unter 50 Jährigen seit 2005 beständig und lag 2014 nur noch bei 51% – Tendenz bis heute weiter fallend.[6]

Höherer Frauenanteil bei Einzelunternehmen

Nicht nur was die Altersstruktur betrifft – auch im Geschlechterverhältnis weicht die Gruppe der Solo-Selbstständigen laut BMAS vom Durchschnitt ab.

Die Frauenrate unter Solopreneuren lag 2014 bei ca. 38% im Vergleich zu 25% bei sonstigen Selbstständigen, Tendenz in beiden Gruppen steigend.[7] Im Nachbarland Österreich liegt die Frauenquote unter Solo-Selbstständigen aktuell sogar bei 56%.[8]

Solo-Selbstständige haben vielfältige Berufe

Der Forschungsbericht des BMAS geht auch der Frage nach, welche Berufe bei Solo-Selbstständigen besonders häufig vertreten sind.

Unter den Solopreneuren steigt seit 2005 insbesondere die Anzahl von Psychologen, Künstlern, Personen mit hauswirtschaftlichen Berufen, privaten Lehrern, Selbstständigen in sozialen Berufen, Rechtspflegern, Publizisten, Heilpraktikern, Kosmetikern und Friseuren.[9]

Solo-Selbstständige sind häufiger nebenberuflich selbstständig

Ein weiteres interessantes Merkmal: Der Anteil an nebenberuflich Selbstständigen ist unter den Solo-Selbstständigen vergleichsweise hoch. Circa ein Drittel der Solopreneure sind Sidepreneure – also nebenberuflich selbstständig. Im Vergleich dazu sind es unter den sonstigen Selbstständigen nur 6,5%.[10]

Einzelunternehmer haben ein geringeres Einkommen

Im Verhältnis zu anderen Selbstständigen haben Solopreneure außerdem ein eher geringes Einkommen. Laut Forschungsbericht des BMAS lag das persönliche Nettoeinkommen bei Solo-Selbstständigen 2014 monatlich bei 1.646€, wohingegen es sich bei allen anderen Selbstständigen im Schnitt auf 3.129€ belief.[11]

Auch die Höhe der monatlichen Ersparnisse ist bei Solo-Selbstständigen geringer. Nach eigenen Angaben konnten 2014 ca. 53% aller Solo-Selbstständigen gar nichts oder nur wenig sparen, während dieser Wert bei anderen Selbstständigen nur bei 38% lag.[12]

Einzelunternehmer finden medial kaum Beachtung

Obwohl die Gruppe der Solo-Selbstständigen also die große Masse der Unternehmen in Deutschland ausmacht, gibt es nur wenige Studien dazu. Die bisher größte unter ihnen ist die bereits zitierte Studie des BMAS zu Solo-Selbstständigen in Deutschland.

Auch medial finden Solo-Selbstständige kaum Beachtung. Die Erklärung ist verständlich: Der Berufsalltag einer selbstständigen Altenpflegerin ist nicht so schlagzeilentauglich wie das Millionen-Funding eines neuen, innovativen Tech-Startups.

Dass aber auch Solopreneure eine spannende Geschichte zu erzählen haben, beweisen Plattformen wie unternehmerhelden.com. Hier werden Solopreneure in persönlichen Interviews und Reportagen vorgestellt – und finden ein Medium, auf dem sie sich präsentieren können.

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[1] Statistisches Bundesamt (Hrsg.), Unternehmensregister (2016); IfM Bonn (Hrsg.), Gewerbliche Unternehmensgründungen nach Rechtsform (2015), 1.
[2] Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (Hrsg.), Unternehmensgründungen und Gründergeist in Deutschland (2016) 22.
[3] KfW Bankengruppe (Hrsg.), KfW-Gründungsmonitor 2017 (2017) 3.
[4] S. Anm. 2, 15.
[5] Statista (Hrsg.), Verteilung der Unternehmensgründer in Deutschland nach Altersgruppen im Jahr 2016 (2017).
[6] Bundesministerium für Arbeit und Soziales (Hrsg.), Forschungsbericht 465. Solo-Selbstständige in Deutschland – Strukturen und Arbeitsverläufe (2016) 21.
[7] S. Anm. 6, 20.
[8] Die Presse, Studie: Frauen gründen mehr Einzelunternehmen. Ausgabe vom 7.3.2017 (2017).
[9] S. Anm. 6, 26f.
[10] S. Anm. 6, 31f.
[11] S. Anm. 6, 39.
[12] S. Anm. 6, 48.

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